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 Die Frau

 Erstabdruck in der Sammlerzeitschrift "Trödler", Heft 7/2009, Text / Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft

 Unter den Zeitschriften der unmittelbaren Nachkriegzeit nimmt „Die Frau“ zweifellos eine besondere Stellung ein. Aus einer vornehmlich weiblichen Sicht der Dinge gewährt das Blatt dem zeitgeschichtlich Interessierten nicht nur aussagekräftige Einblicke in damalige Moden, Meinungen und gesellschaftliche Befindlichkeiten, sondern besticht darüber hinaus durch eine Vielzahl bemerkenswert schön gestalteter Titelbilder.

Da die Herausgabe einer neuen Publikation in den ersten Nachkriegsjahren noch von der Genehmigung der Besatzungsmächte abhängig ist, wird die Presselandschaft zunächst vorrangig von politisch-kulturellen Veröffentlichungen geprägt, die der Vorgabe der Alliierten zur Re-Education, der „Umerziehung der Deutschen zur Demokratie“, Vorschub leisten. „Der Ruf“, „Die Wandlung“, „Das Karussell“ oder „Die Gegenwart“ lauten die Titel entsprechender Hefte, die wie beispielsweise Alfred Döblins „Das Goldene Tor“ „den Realitätssinn stärken, die Gewissen aufrufen und Mut einflößen“ oder „für die menschliche Freiheit und die Solidarität der Völker kämpfen“ wollen und insbesondere auch vielen von den Nationalsozialisten verbotenen Autoren ein Forum geben. Nach 12-jähriger kultureller Durststrecke während des Nazi-Regimes ist der Nachholbedarf der Deutschen hinsichtlich gehaltvollem Lesestoff riesengroß und da Bücher aufgrund der allgemeinen Papierknappheit noch Mangelware sind, übernehmen ersatzweise Zeitschriften die Aufgabe, das geschriebene Wort zu verbreiten. Aber nicht nur Literatur wird derart „unters Volk“ gebracht, ebenso erweisen sich Beiträge zu moralphilosophischen Fragen oder Betrachtungen zum aktuellen Weltgeschehen für viele Deutsche in einer Zeit weit um sich greifender Orientierungslosigkeit als wichtige Hilfe, um sich nach den vorangegangenen Kriegswirren wieder im Leben zurechtzufinden. So basiert auch das Grundgerüst der vom Baden-Badener „Drei Kreise Verlag“ herausgegebenen und im Mai 1946 erstmalig in den Auslagen der Zeitungshändler zu entdeckenden Zeitschrift „Die Frau“ zu einem großen Teil auf einer Mischung aus literarischen Appetithappen und einer kritischen Aufbereitung zeitspezifischer Angelegenheiten. Darüber hinaus deutet bereits der ungewöhnliche, ein wenig unförmig geratene und wohl deshalb recht bald weggelassene Untertitel „Ihr Kleid / Ihre Arbeit / Ihre Freude“ darauf hin, dass im Heft auch die charakteristischen Elemente einer „Frauenzeitschrift“ nicht ausgespart bleiben.

Im Gegensatz zu Blättern der zuvor beschriebenen Art, die sich nicht selten auf einer recht elitären sprachlichen Ebene bewegen, präsentiert sich „Die Frau“ weniger hochgeistig, druckt lieber Irmgard Keun als Thomas Mann und beleuchtet auch die akuten zeitgenössischen Fragen eher aus einer lebensnahen denn aus einer rein philosophischen Sicht der Dinge. So wird beispielsweise im Rahmen des allerersten überhaupt im Heft zu findenden Artikels in der Reihe „Dokumente des Lebens von heute“ das große Problem der seinerzeit dramatisch zunehmenden Ehescheidungen durch den Erfahrungsbericht einer betroffenen Ehefrau beschrieben, deren Mann, wie so viele andere auch, „als ein ganz veränderter Mensch“ aus dem Krieg zurückgekehrt ist. „Halten sie die Belastungsprobe durch die Zeit nicht aus? Oder liegt die Ursache in den Charakteren der Beteiligten? Sollen sie nun geschieden oder genötigt werden, zusammenzubleiben?“ fragt „Die Frau“ und fordert ihre „Leserinnen und Leser auf, sich dazu zu äußern.“ Von Beginn an pflegt die Redaktion einen intensiven Dialog mit ihrer Leserschaft und die eintretende Resonanz belegt, dass das Konzept aufgeht und es vielen Zeitgenossen offenbar ein dringendes Bedürfnis ist, auf diese Weise ihren Herzen Luft zu verschaffen. „Absicht und Ziel der Zeitschrift mögen verdeutlicht werden durch die Angaben einiger in Zukunft folgender Themen“, heißt es an anderer Stelle des ersten Heftes und eine entsprechende Vorschau umfasst nahezu das gesamte damalige Spektrum gesellschaftlicher Sorgen und Nöte. Nachkriegstypische  Problematiken wie Frauenüberschuss und „uneheliche Kinder“ warten in der Rubrik „Die Frau in der Familie“ ebenso auf ihre Behandlung wie „Der Mut zu Behelf und einfachem Lebensstil“ in der Abteilung „Hauswirtschaft“. Unter dem Oberbegriff „Die Frau und die Politik“ lässt die Ankündigung von „Berichten über den Stand der politischen Frauenbewegungen in anderen Ländern“ emanzipatorische Ansätze erkennen und auch die bevorstehenden Interviews mit „einer Politikerin, einer Wissenschaftlerin, einer Künstlerin und führenden Frauen des Wirtschaftslebens“ geben Hinweise auf die zu erwartende inhaltliche Ausrichtung und damit auch auf die vom Herausgeber der Zeitschrift ins Auge gefasste Zielgruppe. Dass diese natürlich überwiegend weiblichen Geschlechts ist, erschließt sich bereits aus dem Titel der Zeitschrift. Darüber hinaus ist festzustellen, dass sich das Blatt an gebildete, vorwiegend berufstätige und, wenn zeitbedingt vielleicht noch nicht wieder über einen gehobenen Lebensstandart, so doch zumindest aber über eine stilvolle Lebensart verfügende Leserinnen richtet. In diesem Zusammenhang tauchen sowohl in den Artikeln als auch als Absender von Zuschriften immer wieder Berufe wie Lehrerin, Ärztin, Fotografin oder Journalistin auf. Ferner kristallisiert sich im Laufe der Zeit heraus, dass mit Beiträgen wie „Es gibt kein kritisches Alter mehr“, Eine Frau von 50 Jahren“, „Wie jung ist ihr Herz“ oder „Kampf gegen das Altern“ offensichtlich verstärkt Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren angesprochen werden sollen. Bekräftigt wird diese Vermutung durch die im Heft zu entdeckende Werbung: „Diese fesche Hütchen zu grauem Haar? Das passt wohl kaum zusammen!“ Umgehende Abhilfe schafft laut Anzeigentext „Kleinol Simplex, denn es färbt das Haar naturecht...“ Die „Plastic-Masque“ Marguary „verhütet das Altern“ und in einer weiteren Anzeige preist „eine geistvolle Frau, selbst weit über die Fünfzig“ eine „Vitamin-Gesichts-Maske mit Hormon-Creme“ gar als „Das Glück der zweiten Jugend“. Beiträge, die sich gezielt an eine jüngere Kundschaft richten, sind zwar ebenfalls vorhanden, aber deutlich in der Unterzahl und die anfänglichen Versuche, eine Seite „für die Jugend“ zu etablieren (z B. mit der Geschichte „Wie die kleine Ulla mit dem Trümmer-Troll fertig wurde“) werden bereits nach wenigen Ausgaben komplett eingestellt. Fester Bestandteil bis zum Schluss bleiben hingegen ein – leider in der Regel recht trivialer - Fortsetzungsroman und natürlich, im Untertitel der „Frau“ sogar an erster Stelle genannt, die Modeseiten. „Weich und schmiegsam ist der hervorstechende Charakter der Sommerlinie für 1946. Das bedeutet eine Abkehr von dem männlich-sportlichen Typ im Gesamteindruck wie im Detail…Die Frauenmode in Europa hat seit den napoleonischen Feldzügen nach jedem beendeten Krieg immer dieselbe Tendenz gezeigt: sie wurde weiblicher.“ Doch während sie gedanklich vielleicht noch bei den von der Modezeichnerin Hilde van Gülick ausgesprochen reizvoll in Szene gesetzten Sommerkleidern verharrt, wird die Leserin einige Heftseiten später bereits wieder vom der Realität des allgegenwärtigen Nachkriegsmangels eingeholt. Unter der Devise „Neues aus Altem“ findet sie Anleitungen zur Fertigung von „Hausschuhen aus Stoff- und Wollresten mit Strohsohlen“ oder für „Strampelhöschen aus alten Hemdsärmeln“. Ein Schnittmusterbogen liegt der „Frau“ nicht bei. Zum einen „müsste dafür der Preis des Heftes entsprechend erhöht werden.“ Zum anderen will ja „keine Leserin jedes Modell haben. Es wäre also eine sinnlose Verschwendung von Papier, wenn wir allen Leserinnen alle Schnittmuster vorlegen würden.“ Stattdessen besteht aber immerhin die Möglichkeit, sich den am besten gefallenden „modischen Entwurf“ auszusuchen und den entsprechenden Bogen per beiliegender Bestellkarte gesondert zu ordern.

Besonders bemerkenswert und für die damalige Rollenverteilung im Berufsleben äußerst ungewöhnlich ist, dass die redaktionellen Beiträge in der „Frau“, sofern das durch namentliche Kennzeichnung nachvollziehbar ist, in der - meist sogar deutlich überwiegenden - Mehrheit von Frauen verfasst werden. Der Posten des Chefredakteurs wird allerdings von einem Mann mit dem geschichtsträchtigen Vornamen Walthari besetzt. Über die Tatsache hinaus, dass er nach einem vor fast 1500 Jahren lebenden Langobardenkönig benannt wurde, ist über den 1903 in Alzey geborenen Dr. Walthari Dietz verhältnismäßig wenig biographisches in Erfahrung zu bringen. Jedoch stößt man auf den mitunter unglaublich weit verzweigten Pfaden des Internets immerhin auf den eigentlich nebensächlichen, aber dennoch viel sagenden Hinweis, dass der 18-jährige Walthari Dietz 1921 zwei Briefe an den Dichter Hermann Hesse schickte. Dies ist just das Jahr, in dem Hesse sich als Autor seiner ursprünglich unter Pseudonym veröffentlichten Erzählung „Demian“ zu erkennen gab, einem Buch, das laut Thomas Mann „eine elektrisierende Wirkung“ auf die junge Generation ausübte, ähnlich Goethes Werther, „mit unglaublicher Genauigkeit den Nerv der Zeit“ traf und das der Mediziner und Psychologe C.G. Jung gar mit dem „Licht eines Leuchtturms in einer Sturmnacht“ verglich. Drei Jahre später dann schrieb sich Dietz bei der Universität Zürich für die Studiengänge Deutsch und Philosophie ein und eine 1928 veröffentlichte Abhandlung über „Geschichte und Lehren des Meskalinrausches“ lässt weitere Rückschlüsse auf eine für diese Zeit ungewöhnlich aufgeschlossene und unkonventionelle Persönlichkeit zu.

 

In den weiteren Ausgaben der „Frau“ jedenfalls nehmen nach wie vor Erfahrungsberichte über die Folgen des Krieges großen Raum ein. Insbesondere die durch ihre vielfach langjährige Abwesenheit von der Heimat entstandene Entfremdung der Kriegsheimkehrer und die Zerstörung des Wohnraums sorgen in dieser Zeit für viele potentielle zwischenmenschliche Brennpunkte, Artikelüberschriften wie „Der Vater – ein Fremdling in seiner Familie“ oder „Wohnen zwischen Ruinen“ sprechen für sich.

Zunehmend versucht sich „Die Frau“ auch als Mittlerin zwischen den Deutschen und ihren Besatzern und bemüht sich, ihren Leserinnen die landestypischen Eigenheiten von Franzosen, Engländern und Amerikanern näher zu bringen. Immer wieder Gegenstand solcher Betrachtungen ist natürlich die Mode, die zumindest zwischen den Europäern große Gemeinsamkeiten erkennen lässt: „Was ich aus den Modeheften aus Paris und London sah, zeigte mir erst einmal, dass die Mode es verstanden hat, durch alle strengen Absperrungen des Krieges und des Dritten Reichs zu schlüpfen. Wie Blütenstaub über Grenzen und Kriege hinfort schwebt, so setzt die Mode ihren völkerverbindenden Willen durch.“  

Deutlich schwieriger nachvollziehbar ist für die Nachkriegsdeutschen des Jahres 1946 hingegen zunächst einmal die amerikanische Lebensart: „Der Mann hat eigentlich nur zwei Interessen: sein „business“ und eine, man möchte fast sagen knabenhafte Bewunderung und Verehrung der Frau, die einem an Filmstars und Revuegirls orientierten ganz bestimmten, genau festgelegten, genormten Schönheitsideal zu entsprechen hat…Gesellschaftlicher Ehrgeiz, Eitelkeit, Gefallsucht, Geltungsbedürfnis, Erotik und Geschäft sind auf eine höchst sonderbare unzertrennliche Weise miteinander verquickt.“ Insgesamt ist man aber um gegenseitiges Verständnis bemüht. „Manches ist nur wenig anders“ lautet zum Beispiel der Titel eines Berichtes über die „Erfahrungen einer Deutschen in einem amerikanischen Haushalt“. Über Berühmtheiten wird in der „Frau“, wenn überhaupt, wohltuend sachlich und zurückhaltend berichtet. So liefert eine Reportage über „Englands wahrscheinliche Thronfolgerin Prinzessin Elisabeth“ nicht etwa die heutzutage bei solchen Themen übliche Hofberichterstattung, sondern nutzt die Gelegenheit, den Leserinnen Land und Leute näher zu bringen. Auch Filmstars werden nicht hofiert. In einem kritischen Bericht über die in den Unterhaltungsgazetten zumeist glorifizierte Hildegard Knef beweist „Die Frau“ wieder einmal, dass sie nicht mit dem Strom schwimmt: Seit ihrer Abreise nach Amerika ist „das Gesicht der Knef ein Konfektionsgesicht geworden: alles, wie es die Mode vorschreibt, und alles vollkommener, als es die Natur liefern kann. Die Augenbrauen wölben sich in tadellosem Bogen, die Wimpern sind von bezaubernder Länge und Feinheit, der Teint ist makellos und von samtner Glätte, der Mund hat die zur Zeit moderne Größe. Soviel Schönheiten haben nur einen Fehler: sie heben sich gegenseitig auf, und was bleibt, ist ein nichts sagendes, leeres Gesicht – eine Maske.“ 

Immer wieder ist natürlich auch die – nicht vorhandene - Gleichberechtigung der Geschlechter ein Thema. Innerhalb der Reihe „Die FRAU besucht Frauen in ihrem Beruf“ werden unter anderen eine Chirurgin, eine Architektin und die Leiterin eines Betonwerks vorgestellt, die tagtäglich gegen das Vorurteil anzukämpfen haben, dass sie auf ihrem Gebiet nicht dasselbe zu leisten vermögen wie ein Mann. Weitere typische „Frau“ – Themen sind beispielsweise ein Portrait der Künstlerin Bele Bachem, der Kinsey-Report oder eine Debatte über den „Abtreibungsparagraph“ 218.

Großen Raum nehmen anfangs Berichte über die „Veronika Dankeschöns“ ein, jene Frauen, die sich gegen Geld, Geschenke oder Lebensmittel den amerikanischen GI’s „anboten“ und ihre seinerzeit allgemein gebräuchliche Bezeichnung von einem US-Karikaturisten erhielten, der sich bei der Namensfindung den Initialen von „Veneral Desease“ bediente, der amerikanischen Bezeichnung für Geschlechtskrankheit… 

Auf eine im Nachhinein betrachtet geradezu tragikkomische Art und Weise geben verschiedene in der „Frau“ veröffentlichte Heiratsanzeigen Auskunft darüber, dass für nicht wenige Heiratswillige in den Nachkriegsjahren die Suche nach Liebe und Zuneigung mit der Sicherung der Existenz einhergeht: „Auto-Kaufmann, 32 Jahre, Gr. 173cm, spielt Klavier u. Akkordeon…Liegenschaften 23000, bar 30000 Reichsmark“ heißt es dort unverblümt in der entsprechenden, Heftintern „Seufzerspalte“ genannten Rubrik und ein „Fabrikant aus dem Rheinland“ kann bei seiner Suche nach einer Partnerin gar 150000 RM Barvermögen in die Waagschale werfen. Weitere wichtige Kriterien bestehen in den Wohnverhältnissen („schöne, komplett eingerichtete 2-Zimmerwohnung vorhanden“), dem gesellschaftlichen Ansehen („Herren aus akademischen Kreisen, auch ausgebombt, bevorzugt“) und der Parteivergangenheit („nur politisch unbelastet“). Doch dass die Inserenten vielleicht besser ein anderes Blatt für ihre Annoncen gewählt hätten, weil es offenbar einem Großteil der überdurchschnittlich eigenständigen und selbstbewussten „Frau“ - Leserinnen um mehr als das bloße versorgt sein geht, dokumentieren typische Meinungsäußerungen wie die folgende, in der „Sprechstunde der Frau“ abgedruckte: „Ich hätte schon öfter heiraten können, mit Wohnung, gesicherter Position und „kompletter“ Einrichtung. Aber gerade davor habe ich Angst. Nicht etwa, dass ich mir eine Ehe, die auf Armut und Liebe aufgebaut ist, als die ideale vorstelle; sie ist höchstens etwas weniger der Gefahr der Langeweile ausgesetzt, als die andere. Die „komplette“ Einrichtung schmeckt so nach trautem Heim und liebem Frauchen und davor habe ich Angst…“.

So aussagekräftig und vielschichtig die „Frau“ den Zeitgeist der Nachkriegsjahre widerspiegeln mag – einzigartig und dadurch in ganz besonderem Maße sammelnswert wird sie aber vor allem durch ihre in der Mehrzahl hinreißend schön gestalteten Titelbilder, welche dafür verantwortlich sind, dass sich das Blatt letztlich auch von inhaltlich ähnlich konzipierten Konkurrenzprodukten wie „Der Regenbogen“ oder „Das Medaillon“ deutlich abhebt. Auffällig ist in diesem Zusammenhang sicher zuerst einmal, dass „Die Frau“ auf ein prägnantes, immer gleiches Logo und den normalerweise daraus resultierenden Wiedererkennungseffekt bewusst verzichtet. Im Gegenteil ist hier Individualität sogar Programm, da in den ersten Jahren des Erscheinens kein „Die Frau“ - Schriftzug dem anderen gleicht, sondern sich jeweils sowohl farblich als auch stilistisch am aktuellen Titelbild orientiert. Allein für nahezu zwei Drittel dieser Titel-Illustrationen zeichnet mit dem 1911 in Karlsruhe geborenen Gerd Grimm ein Künstler verantwortlich, dem bereits im zeitgenössischen Werbefachblatt Graphik hohe Wertschätzung zuteil wird: „Das Deutschland von heute kann bisher nur wenige Graphiker herausstellen, deren Farben- und Formensprache in Paris und New York ebenso verstanden und anerkannt wird wie im eigenen Lande. Gerd Grimm, in Karlsruhe, Nürnberg und Berlin umfassend ausgebildet, gehört unbestritten dazu…Sein Stil ist unverkennbar in der knappen Sicherheit lebensfroher figürlicher Darstellungen und der kultivierten Farbkomposition.“  Bereits während seines Kunststudiums erhielt Grimm Ende der 20er Jahre erste Aufträge von renommierten Modezeitschriften wie „Elegante Welt“ oder „Die Dame“. 1933 jedoch erfuhr die viel versprechende Karriere des aufstrebenden jungen Künstlers einen jähen Rückschlag, da die Machtergreifung der Nationalsozialisten für den Halbjuden Grimm sowohl privat als auch beruflich drastische Einschränkungen mit sich brachte. Nur über Umwege und mit Hilfe seiner „arischen“ Lebensgefährtin Hilde van Gülick, die ebenfalls über die gesamte Zeit deren Erscheinens für „Die Frau“ tätig war, gelang es ihm, weiterhin Arbeiten in verschiedenen Magazinen unterzubringen. Nach Beendigung des Krieges haben dann zwar die Repressalien ein Ende, doch Beschäftigungsmöglichkeiten für Modezeichner sind im darbenden Nachkriegsdeutschland erst einmal dünn gesät. So emigriert das frisch vermählte Paar 1946 bald nach seiner Hochzeit in die USA, wo das bunte, weltoffene Treiben seiner Wahlheimat New York Gerd Grimm in hohem Maße inspiriert und in ihm einen neuen, geradezu euphorischen Schaffensdrang weckt. In der Folge schafft er es, seine Arbeiten sogar an etablierte US-Magazine wie Enquire, Vogue und Haarper’s Bazaar zu verkaufen. Sein so leicht und unangestrengt daherkommender Stil war die logische Konsequenz einer Arbeitsweise, bei der der Graphiker keine Kompromisse einging. Er „verbesserte seine Werke nie. Was nicht mit dem ersten Strich schon gelungen war, wurde vernichtet. Das Hingeworfene musste schon das Vollendete sein.“ (Quelle: www.grimm-foundation.com).

In dieser so produktiven „New Yorker Phase“ müssen wohl auch - offensichtlich als Auftragsarbeiten - seine Titelbilder für „Die Frau“ entstanden sein, die mehrheitlich „voll im Leben“ stehende Frauentypen zum Motiv haben. Ob romantisch inmitten einer sommerlichen Blumenwiese oder mit vom Herbstwind zerzaustem Haar, elegant im abendlichen Lichterglanz einer Großstadt oder braungebrannt in legerer Urlaubskleidung, auf dem Maskenball, in der Galerie oder beim Wintersport: Grimms Frauen ist allesamt gemeinsam, dass sie ein ebenso direktes wie natürliches Selbstbewusstsein ausstrahlen, sei es durch ihren Gesichtsausdruck, ihre Körperhaltung, durch eine gewisse Extravaganz ihrer Kleidung oder auch, wie im Beispiel einer vor der Kulisse einer verschneiten Berglandschaft aufs Papier gebannten Zigarettenraucherin, durch eine unmittelbare „Coolness“.

Über die Modearbeiten hinaus inspirieren ihn vor allem die „Straßenschächte des Wolkenkratzerviertels von New York“ dazu, diese in seiner höchst persönlichen zeichnerischen Sichtweise festzuhalten und so druckt „Die Frau“ 1950 neben Grimms Titelbildern auch wiederholt Beispiele seiner ganz speziellen New Yorker Impressionen, um derart ihren Leserinnen das amerikanische Leben, ein wenig karikiert zwar, aber dennoch oder vielleicht gerade deshalb, sehr anschaulich näher zu bringen. So ist zum Beispiel in der Juniausgabe der „Frau“ ein überaus sehenswerter „krauser Bilderbogen“ zu entdecken: „Er ist so kunterbunt und strotzt vor Merkwürdigkeiten, wie sie dem Deutschen, der eben im Begriff ist, Amerika zu entdecken, nun einmal zuerst in die Augen springen…Überdimensionale Autos, betont unauffällige Krawatten, die Lieblingslandschaft des Herrn oder sein bevorzugter Filmstar auf dem Shirt, der Sommerhut als kompletter Dachgarten, der Salto mortale der Sommermode, Fernsehen im trauten Heim, Wolkenkratzer, Jazz-Synkopen, Coca Cola in allen Lebenslagen.“

Weil jedoch Hilde van Gülick von Heimweh geplagt wird, kehrt das Ehepaar 1951 wieder nach Deutschland zurück. Da Modezeichnungen in den Zeitschriften immer mehr von Fotografien verdrängt werden, arbeitet Grimm verstärkt als Buchillustrator und Werbegrafiker, wobei ihm vor allem seine höchst erfolgreichen Arbeiten für eine langjährige und überaus erfolgreiche Kampagne der Zigarettenmarke Reval sowie ein als „Grimms Mädchen“ bekannt gewordener Werbekalender das Auskommen sichern. Letztgenannter verschaffte ihm zudem den vorübergehenden Ruhm als „Zeichner des Fräuleinwunders“. Gerd Grimm lebte zurückgezogen und hat bis zu seinem Tod im Jahre 1998 nie großes Aufheben um seine Person gemacht, was sicherlich dazu beigetragen hat, dass ihm bis heute nicht die seinem Schaffen eigentlich gebührende Bekanntheit und Anerkennung zuteil wurde.

 

Neben Grimm hinterlassen auch etliche weitere bekannte zeitgenössische Könner ihre künstlerische Visitenkarte auf dem „Frau“ – Cover, unter ihnen beispielsweise Walter Müller-Worpswede, Hans Fischach, Charles Magister sowie der als Illustrator diverser Erich-Kästner-Bücher bekannt gewordene Horst Lemke. Diverse Male finden auch Gemälde moderner Maler als Titel Verwendung und, vor allem in den Weihnachtsausgaben, Motive alter Meister. Als ausgesprochen aussagekräftig bezüglich des Publikumsgeschmacks erweist sich in diesem Zusammenhang eine Umfrage aus dem Jahr 1949: „Welches Titelblatt gefällt Ihnen am besten?“ fragt die „Frau“ ihre Leserinnen, die sich aus sechs in der Vergangenheit erschienen Titelbildern dasjenige aussuchen sollen, „durch das sie sich am meisten angesprochen fühlen.“ Ein Begleittext gibt, in zeittypisch blumigem Singsang zwar, aber dennoch recht informativ, Aufschluss über die bisherigen Auswahlkriterien der Redaktion: „Die Titelbilder der Frau suchen das Auf und Ab des Lebens in seinem beschwingenden Rhythmus mitzuempfinden. Das modische Jahr spiegelt sich in ihren Titelseiten genau so wider wie die Auseinandersetzung mit Fragen des künstlerischen Geschmacks, heitere frische Freudigkeit wechselt mit verhalteneren Stimmungen.“ Aber wie kaum anders zu erwarten, offenbart einige Hefte später die Auswertung der eingegangenen Zuschriften, dass „die heitere, fröhliche Note allgemein bevorzugt wurde!“ Den vordersten Platz der Leserinnengunst erobert sich folglich der von Gerd Grimm gestaltete Titel des Heftes 8/49, der „wohltuende Harmonie, modische Kultur, Ewig-Weibliches und jahreszeitliche Einstimmung zu einem Ganzen werden und dieses Blatt als das ideale Titelbild erscheinen lässt…Ideal für „Die Frau“, weil es haargenau der Absicht, dem Stil und der Wesensart der Zeitschrift entspricht.“ Auch der ebenfalls zur Auswahl stehende Titel des Januarheftes 1948, der erstmals „neben der Dame einen Herrn“ zeigte, „hat an sich viel Zustimmung gefunden. Nicht zuletzt deswegen, weil man spürt, dass“ – zumindest nach redaktioneller Selbsteinschätzung - „Die Frau“ auch die Welt des Mannes auf ihren unterhaltenden und kulturellen Seiten ebenso wie im Modeteil mit einbezieht.“ Das relativ schlechte Abschneiden des entsprechenden Titels führt man auf die „winterlich verhaltene Stimmung dieses Entwurfes“ zurück. Keine Überraschung hingegen bereitet den Blattmachern, dass ein Heftumschlag mit einem Gemälde von Henri Matisse auf dem letzten Platz landete, denn „dass die Wiedergabe des Frauenbildnisses eines modernen Meisters nur einen kleinen Kreis von Liebhabern – eben die speziell künstlerisch Interessierten – ansprechen würde, stand zu erwarten.“ Etliche Leserinnen nutzen offenbar die Gelegenheit, über den Gegenstand der Umfrage hinaus ihre Meinung zum Inhalt des Blattes kundzutun: „In vielen, vielen Briefen, die bei der Redaktion einliefen, wird der „Frau“ bestätigt, dass sie „die schönste, interessanteste und kultivierteste Zeitschrift“ ihrer Art sei, dass „sie als erste aus der Trümmerwildnis nach dem Krieg herausgeführt“ habe und dass man ihr immer wieder Anregungen, Rat und Lebenshilfe entnehmen könne.“

Doch die Konkurrenz auf dem Zeitschriftenmarkt wird zunehmend stärker. Blätter wie Constanze, Ihre Freundin, Quick oder Film und Frau befriedigen mittlerweile die wachsende Nachfrage der Deutschen nach leichter Unterhaltung und die generelle Aufhebung der Lizenzpflicht im Verlauf des Jahres 1949 sorgt für einen weiteren Schub an entsprechenden Neuerscheinungen. Bei der „Frau“ ist man sich der Verschiebung der Lesebedürfnisse weg vom Gehaltvollen hin zum Seichten durchaus bewusst und gibt „Tips, wie man Zeitschriften lesen soll!“: „Die Bilder in den Illustrierten sprechen für sich. Eine kurze Unterschrift wird vielleicht gerade noch überflogen – manchmal nicht einmal das…daher sehen Sie sich bitte jedes unserer Hefte von vorn bis hinten mit offenen, aufnahmebereiten Augen genau und langsam an…die Zeitschrift wird inhaltlich viel reicher und wertvoller sein, als sie Ihnen bisher vielleicht erschienen ist. „Die Frau“ möchte nicht nur eine Zeitschrift auf Ihrem Büchertisch sein, sondern Ihre Zeitschrift.“ Doch alle Liebesmüh ist vergeblich, die Mehrzahl der deutschen Leser will zu Beginn der 50er Jahre nicht belehrt sondern vielmehr unterhalten werden. Mit der Einführung des neuen Untertitels „Die Frau – von Frauen und Männern gleich gerne gelesen“ unternimmt man noch einmal den krampfhaften Versuch, sich neue Käuferschichten zu erschließen. Jedoch zieht das Werben um die Gunst der männlichen Leser offenbar nicht der gewünschten Erfolg nach sich: Bei der Dezemberausgabe 1950 handelt es sich nach nur fünf Jahren um die letzte erschienene „Frau“. Das Fehlen eines redaktionellen Abschiedswortes sowie der Umstand, dass der einige Hefte zuvor groß angekündigte neue Fortsetzungsroman „mittendrin“ aufhört, legt die Vermutung nahe, dass das Ende wohl ein ziemlich abruptes gewesen sein muss.

Für jeden am deutschen Nachkriegsleben Interessierten entpuppt sich „Die Frau“ als kulturhistorische Fundgrube ersten Ranges, die noch dazu mit einer Vielzahl bemerkenswerter Titelbilder aufwarten kann. Insgesamt erschienen zwischen den Jahren 1946 und 1950 lediglich 91 Ausgaben. Diese waren anfangs jeweils monatlich zum Preis vom 1,5 DM und ab August 1948 14-tägig für 1 DM zu haben, zwischenzeitlich sah man sich durch Engpässe in der Papierversorgung gezwungen, einige Hefte als Doppelnummern herauszugeben. 1949 wurde zusätzlich unter dem Titel „Jede Frau kann schön sein“ eine sehenswerte Sondernummer veröffentlicht. Bei den heute noch zu findenden Heften ist das qualitativ eher minderwertige Papier nicht selten schon recht brüchig, was darauf schließen lässt, dass wohl ein Großteil der „Frau“ - Auflage die sechs Jahrzehnte seit ihrem ersten Erscheinen nicht überstanden hat. Gut erhaltene Exemplare tauchen daher zwar recht selten auf, sind dann aber nichtsdestotrotz für kleines Geld zu erstehen, da das Sammlerinteresse an diesen aufschlussreichen und noch dazu hübsch anzuschauenden Zeitzeugnissen unverständlicherweise verschwindend gering ist.

 

 

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