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Bei der Weltausstellung 1958 in Brüssel gab Westdeutschland international seine (Nachkriegs-)Visitenkarte ab und präsentierte sich – mit neuem Selbstbewusstsein versehen und dennoch bescheiden – von seiner besten Seite. Durch das Sammeln und Sichten zeitgenössischer (Alltags-)-Dokumente wie Ausstellungsführer, Ansichtskarten, Zeitschriften oder "Andenken-Nippes" kann man auch heute noch in der Zeitgeist der späten 50er Jahre eintauchen.

Der folgende Text erschien erstmals im Sammlermagazin "Trödler Kompakt", Heft 8/06, Text/Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft

 

"Serving the world" - EXPO-Broschüre der "British Electrical and Allied Industry"

 

Die Weltausstellung 1958 in Brüssel

Aussteller aus 51 verschiedenen Nationen beteiligten sich 1958 in Brüssel an der ersten Weltausstellung der Nachkriegszeit, die anschließend als "Jahrmarkt des Atomzeitalters" in die Annalen einging.

Fortschritts-Euphorie und Hoffnung auf eine friedlichen Nutzung der Atomenergie einerseits, sowie die trotz einer leichten Entspannung des politischen Klimas immer noch bestehende Furcht vor einer möglichen Eskalation des "Kalten Krieges" zwischen den USA und der Sowjetunion andererseits prägen zu dieser Zeit die Stimmung in der Welt. - Innerhalb des Ausstellungsgeländes im Brüsseler Heysel-Park jedoch ist das Wettrüsten der Großmächte kein Thema. "Die Nationen haben sich verabredet, in Brüssel ein lächelndes Gesicht zu zeigen, die Atombombe zu verstecken und so zu tun, als würden sie das Wort "Rüstung" überhaupt noch nie gehört haben", beschreibt Karl Pawek, Herausgeber des deutschen Zeitgeist-Magazins Magnum seine Eindrücke.

So bestimmen futuristisch anmutende Pavillons mit kühner Statik das Bild und dokumentieren das nahezu grenzenlose Leistungsvermögen moderner Bautechnik, die Pariser Zeitung Le Monde bezeichnet die Schau sogar als eine "Angelegenheit der Architekten". Über allem ragt mit dem 102 Meter hohen Atomium das Aufsehen erregende Wahrzeichen der EXPO (vom französischen Exposition = Ausstellung) empor. Entworfen vom belgischen Ingenieur André Waterkeyn stellt das nahezu 2400 Tonnen schwere Symbol des Atomzeitalters ein über 150-milliardenfach vergrößertes Modell eines Eisenmoleküls mit kristalliner Struktur dar. Rolltreppen beinhaltende Röhren verbinden die begehbaren Kugeln mit einem jeweiligen Durchmesser von 18 Metern, von denen einige für Ausstellungen genutzt werden und die oberste ein Restaurant mit einem eindrucksvollen Ausblick auf das Ausstellungsterrain beherbergt. Bei guten Sichtverhältnissen kann man zudem den Königspalast in Laeken erkennen und das historische Schlachtfeld von Waterloo zumindest erahnen. Ursprüngliche Entwürfe, das Bauwerk ausschließlich durch die Mittelsäule im Boden zu verankern, mussten nach Versuchen im Windkanal verworfen werden. Weil sich herausstellte, dass das Atomium derart lediglich Windgeschwindigkeiten von 80 km/h widerstanden hätte, wurde es durch drei an den unteren Kugeln angebrachte Stahlstützen zusätzlich stabilisiert. Letzteres störte nicht nur den Gesamteindruck, sondern wird sicherlich mit dazu beigetragen haben, dass sich die ursprünglich kalkulierten Baukosten von 8,4 Millionen DM im Laufe der Bauzeit nahezu verdoppelten. Die meisten zeitgenössischen Fotographen waren sichtlich bemüht, das Bauwerk so abzulichten, dass möglichst wenig von den Stützen zu sehen war, bisweilen wurden diese sogar weg retuschiert. Heftig dementiert und als systematische Falschmeldungen eingestuft, "um die bewundernswerten Bemühungen der belgischen Metallindustrie zu untergraben", wurden von belgischer Seite aufkeimende Gerüchte, dass die gesamte Konstruktion aus dem Lot gekommen sei und man die Hilfe deutscher Ingenieure in Anspruch habe nehmen müssen. Nichtsdestotrotz steht das Atomium bis zum heutigen Tage und eine Besichtigung des imposanten Bauwerks gehört nach wie vor zum touristischen Pflichtprogramm eines Belgien-Aufenthaltes, bei Nacht sorgen zudem unzählige kleine Lauflichter für spektakuläre Lichteffekte.

 

 "offizieller Ausstellungsführer - Weltausstellung Brüssel 1958"

 

"Pfeil des Ingenieurwesens", zeitgenössisches Leporello

 

                   

Faltblatt "Atomium 58"

 

typisches Andenken: Atomium Paperweight, Höhe 15,5cm

 

                     

Eintrittskarte

 

Eingang, Privatfoto

Auch einige der von den teilnehmenden Ländern in Eigenregie entworfen und errichteten Ausstellungsgebäude besaßen enorme Ausmaße. So stellte der vom New Yorker Architekten Edward D. Stone konstruierte amerikanische "Kristall- und Goldpalast" mit einem Durchmesser von 104 Meter den seinerzeit größten Rundbau der Welt dar, der sich aufgrund seiner Bauweise mit einer transparenten und an Stahltrossen aufgehängten frei schwebenden Dachkonstruktion dennoch in das allgemein vorherrschende Grundkonzept einer scheinbar jeglicher Schwerkraft trotzenden Leichtigkeit einfügte.

 

Amerikanischer Pavillon auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel, zeitgenössische Ansichtskarte

Die meisten der Pavillons waren architektonischer Selbstzweck, deren baulichen Gegebenheiten sich die im Inneren gezeigten Ausstellungen anzupassen hatten. Für "Hobby - das Magazin der Technik" entstand in Brüssel eine "eigene Welt": "Nicht nur, weil dort die Architektur der Zukunft, nämlich die der Jahre 1975 oder 1980, vorherrschen wird, sondern auch, weil dort nur das Gute der Menschheit gezeigt wird, während dem Bösen der Zutritt verwehrt ist." Als "Schwebe-Architektur" bezeichnet DER SPIEGEL die EXPO-Bauten in einem Vorabbericht zur Weltausstellung unter dem Titel "Babel in Beton" und eine Rotterdamer Zeitung schreibt, dass "es ist, als ob der Geist, der die Raumfahrt-Ideen hervorbrachte, sich den Baumeistern mitgeteilt hat. Sie wollen offensichtlich eine neue Freiheit : Los von der Erde." Ein Zitat, das eine gute Überleitung zu dem dem amerikanischen gegenüberliegenden und mit einer Länge von 150 sowie einer Breite von 72 Metern ebenfalls monumentale Ausmaße aufweisenden sowjetischen Pavillon bietet. 

 

Pavillon der UdSSR auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel, zeitgenössische Ansichtskarte

Während die Amerikaner in ihren Räumlichkeiten auf die Anziehungskraft von Symbolen der Demokratie vertrauen und unter anderem eine elektronische Maschine zur Auszählung von Wahlzetteln präsentieren, bauen die Sowjets auf die Attraktivität moderner Technik und schaffen mit der Präsentation von originalen Sputnik-Satelliten den vielleicht größten Publikumsmagneten der gesamten Ausstellung.   
 

Wie wichtig den beiden Großmächten und ganz besonders den Sowjets dieser Wettstreit mit friedlichen Mitteln vor den Augen der Weltöffentlichkeit erschien, belegen allein schon ihre Ausstellungsetats, die selbstverständlich die größten aller teilnehmenden Nationen darstellten. Bauten und Veranstaltungen auf den jeweils zur Verfügung stehenden 25000 Quadratmeter großen Flächen ließen sich die USA umgerechnet 63 Millionen DM kosten, die UdSSR hatte sogar das gewaltige Budget von gut 126 Millionen DM zur Verfügung (Quelle: DER SPIEGEL).Angesichts all dieser Gigantomanie geriet dann auch einer der grundlegenden Ansprüche dieser Weltausstellung ins Hintertreffen. Unter dem Motto "Bilanz der Welt - für eine humanere Welt" sollte eigentlich das Menschliche in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden, wie auch der belgische König Baudouin in seiner Rede zur Eröffnung am 17.April betonte: "Die Technik allein genügt nicht, um eine Zivilisation zu erschaffen. Damit sie Element des Fortschritts sein kann, bedarf es der gleichzeitigen Entwicklung unserer moralischen Standpunkte und unseres Willens, gemeinsam eine konstruktive Anstrengung zu unternehmen." (Quelle: die auch hinsichtlich der Historie aller anderen Weltausstellungen ausgesprochen informative Homepage zur EXPO 2000 in Hannover "www.exposeeum.de").

Dem beschriebenen Anspruch recht nahe kommt ein Werbe-Pavillon des niederländischen Elektro-Konzerns Phillips, konzipiert vom Schweizer Architekten Charles-Edouard Jeanneret, der als "Le Corbusier" zu Weltruhm gelangte.

 

76-seitiges, reich bebildertes Buch zur Konzeption des Le Corbusier -Pavillions

 Dessen von Edgar Varèses "mächtigen Tondichtungen" untermaltes Gesamtkunstwerk, das "Elektronische Gedicht", ist "ein fremdartiges und scheinbar ungereimtes Schauspiel von Licht, Klang und Farbe von nur 8 Minuten Dauer", welches zum Ausdruck bringen soll, "wie seit der Schöpfung die Menschheit um Eintracht und Glück gerungen hat ...und wie sie zwischen Liebe und Hass, dem unerreichbar hohen Ideal und den unvermeidlichen Verdrießlichkeiten des Alltagslebens hin- und her gerissen wurde". "Die Elemente des Dramas spritzen hervor, riesig, in der Schale des elektronischen Gedichts. Die Töne zerplatzen. Die Farbe wirbelt im Raum. Der Rhythmus eilt rasend schnell dahin. Alles ist jetzt in Bewegung." ( Aus "Le poème electronique", Begleitbroschüre 1958). Ebenso wie die Darbietungen im Inneren ihrer Zeit wohl voraus waren und nicht wenige Besucher verwirrt zurückließen, polarisierte auch die äußere, von "krummen Flächen" geprägte Form des Bauwerks ihre Betrachter. Die Bandbreite der Urteile reichte von "architektonischer Kuriosität" bis hin zu "avantgardistisches Meisterwerk". Schwer tut sich auch der offizielle Ausstellungsführer, den visuellen Eindruck in Worte zu fassen. "Zweifellos wird Sie der Pavillon durch seine kühnen und erstaunlich freien Formen beeindrucken, der graziöse Schwung seiner Linien wird Sie entzücken". Ganz pragmatisch dagegen sah es die ausführende Baufirma im Rahmen einer Werbe-Anzeige an gleicher Stelle: "Die erste doppelt-gekrümmte Schale in Spannbeton errichtet in Belgien."

 

Der von Le Corbusier konzipierte Phillips-Pavillon auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel, zeitgenössische Ansichtskarte

 Namhafte Architekten waren auch am Bau des deutschen Ausstellungsgebäudes maßgeblich beteiligt, jedoch ging der gemeinsame Entwurf von Egon Eiermann und Sep Ruf in eine gänzlich andere Richtung als der zuvor beschriebene. Eine "saubere Bodennummer" urteilte die Presse im Angesicht der acht flachen, im Quadrat angeordneten und durch überdachte Stege miteinander verbundenen Gebäude, die sich durch variierende Geschosszahlen harmonisch an die vorhandene Hanglage anpassten und im Innenhof alte Parkbäume mit einschlossen.

 

Deutscher Pavillon auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel, zeitgenössische Ansichtskarte

 

                

private Erinnerungsfotos im Umfeld des deutschen Pavillons

 


Transparente Außenwände aus Spiegelglas trugen zu einem Gesamtbild bei, das seine Bauhaus-Wurzeln nicht verleugnen konnte. Die einzige optische Extravaganz bestand in einer 60 Meter langen, auffällig gelben und an einem 50 Meter hohen nadelspitzartig zulaufenden Stahlpylon aufgehängten Zugangsbrücke, die auch heute noch ihren Zweck erfüllt. Sie überspannt die A3 bei Duisburg und verbindet die zwei durch die Autobahn getrennten Teile des dortigen Tierparks.

Auch bezüglich der Innenraum-Gestaltung des Pavillons setze Egon Eiermann, der unter anderem auch für die Neugestaltung der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche verantwortlich zeichnete, mehr auf Funktionalität denn auf Effekthascherei. Der von ihm entworfene und für diesen Zweck eingesetzte Stuhl mit Stahlrohrgestell "SE 68" beispielsweise zählt heute zu den gesuchten Design-Klassikern.

Das deutsche Gesamtkonzept jedenfalls, durch bauliche Zurückhaltung auch einen bewussten Gegenpol zu den monströsen nationalsozialistischen Bauten Albert Speers auf der bis dahin letzten Weltausstellung 1937 in Paris zu setzen, kam sowohl bei Besuchern als auch bei Architektur-Experten gut an, eine französische Zeitung lobte "die Kraft des guten Willens und der Bescheidenheit". Vermisst wurde jedoch, auch in den eigenen Reihen, die aktive Auseinandersetzung mit den zurückliegenden Geschehnissen während des 2.Weltkrieges. Dafür aber hat "mitten in Brüssel, direkt am Nordbahnhof, der Werbebus Berlins Aufstellung genommen", berichtet die Illustrierte Berliner Zeitschrift, "er erzählt den Millionen Ausstellungsbesuchern vom geteilten Deutschland und seiner geteilten Hauptstadt."

 

                

Privatfotos von einem Expo-Besuch

 


Ebenfalls eher unaufdringlich wie die deutschen gruppieren sich die Bauten der Schweiz wie die Waben eines Bienenstocks rund um einen See. Der französische Pavillon dagegen "wirkt einigermaßen bizarr, fast wie ein abstraktes Kunstwerk aus Säulen und Drähten", urteilt die "allgemeinverständliche Monatsschrift" Populäre Mechanik, "sein Erbauer Guillaume Gillet gehört zu den Avantgardisten der französischen Architektur." Ganz tief in die Phrasen-Kiste greift der Merian:

Der "gewaltige Pavillon der Franzosen mit seinem "windschiefen Dach" atmet die Eleganz der großen Modehäuser, die Heiterkeit von Paris und die Wärme und den Farbenreichtum der Weingärten von Bordeaux."  

Insgesamt umfasst das Ausstellungsgelände im "Park du Heysel" eine Fläche von 200 Hektar, was, als Größenvergleich, ungefähr einem Drittel der Brüssel Innenstadt entspricht. Den Zufall, dass der Umriss des Areals aus der Vogelperspektive eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Kuh aufweist, lässt sich kaum einer der vielen Berichterstatter in seinen Reportagen entgehen.

 

 

 Einige, wie beispielsweise der SPIEGEL-Korrespondent, beschreiben gar die Lage bestimmter Komplexe unter Zuhilfenahme der Kuh-Anatomie: "Das hintere Schema-Bein beherbergt den Hubschrauber-Flughafen und ein Vergnügungsviertel, der Schwanz den Bus-Bahnhof. Im Euter ist das Folkloreviertel "Belgien 1900" untergebracht, eine Stadt aus Holz, Stuck und Pappe, wo Kitsch-Etablissements...und karnevalistischer Rummel den Touristen nach offizieller Lesart die Möglichkeit verschaffen sollen, "ins Anonyme abzugleiten"."

 

"Fröhliches Belgien: Der Marktplatz", zeitgenössische Ansichtskarte

 

              

private Erinnerungsfotos

 


 

allgegenwärtiges Atomium

Dazu haben Amüsierwillige immerhin die halbe Nacht Zeit, denn während die Hallen und Pavillons nur bis 18:00 Uhr Einlass gewähren und der Rest der Ausstellung um Mitternacht seine Pforten schließt, bleiben Folklore-Schau und Vergnügungspark bis 4:00 morgens geöffnet.

 

"Aral-Reisetips" zur Weltausstellung Brüssel

Obwohl gegen Ende der 50er Jahre das Ende der Kolonialreiche in Sicht ist und immer mehr Länder Asiens und Afrikas nach nationaler Unabhängigkeit streben, reservieren die Belgier eine komplette Sektion der Ausstellung im "vorderen Kuh-Bein" für ihre Kolonien Ruanda-Urundi und Belgisch Kongo. Dort stellen in sieben Pavillons "Künstler und Handwerker dieses begabten und dynamischen Volkes ihre Erzeugnisse aus". Zudem wird darüber berichtet, in welchem Maße die Belgische Kolonialverwaltung zum allgemeinen Wohlergehen in besagten Gebieten beigetragen hat. In der "Abteilung Gesundheit" beispielsweise erhält der Besucher Informationen über die Bestrebungen "die Eingeborenen vor den Plagen zu schützen, die in den Tropen wüten" und in der "Halle der Missionen" dokumentiert das Werk eines belgischen Bildhauers Erfolge der kirchlichen Missionierung: "eine kongolesische Familie beim Lesen der Bibel".

 

"Garten von Kongo: Das Dorf", zeitgenössische Ansichtskarte

In der Mitte des sich anschließenden tropischen Gartens findet man laut offiziellem Ausstellungsführer sogar ein detailgetreu nach gebautes "Eingeborenendorf", welches bei so manchem Betrachter Erinnerungen an Völkerschauen längst vergangen geglaubter Zeiten geweckt haben mag und entlarvte, dass es in den Köpfen vieler Menschen bei weitem noch nicht so fortschrittlich zuging, wie die visionären Bauten auf dem Ausstellungsgelände hätten vermuten lassen können.

Durch eine 15 Meter hohe Mauer vom allgemein herrschenden Trubel abgeschirmt war das Gelände des Vatikan. "Schon beim Eintritt begegnen Sie dem Thema "der Mensch und sein Glück" in seiner heutigen Problemstellung, mit den kurzlebigen Teillösungen, die von allen Seiten versucht werden", doch im Inneren "folgt die wahre katholische Antwort". Die eigens errichtete Kirche allerdings musste in zeitgenössischen Urteilen den Vergleich mit einer Ski-Schanze hinnehmen,

 

Pavillion des Vatikan auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel

immerhin noch besser als das Schicksal des polnischen Pavillons, der aufgrund seiner äußeren Form als "monströses Bidet" bespöttelt wurde.

Der Vatikan nahm zum ersten Mal an einer Weltausstellung teil, deren erste im Jahre 1851 in London stattfand. In einer 72000 Quadratmeter großen Glashalle im Hyde-Park, dem zu diesem Anlass errichteten "Kristall-Palast", versammelten sich Aussteller aus 25 Ländern und präsentierten ihre Erzeugnisse einem überaus interessierten Publikum. Aufgrund des großen Erfolges folgten weitere Veranstaltungen unter anderem in Wien, Philadelphia, Sidney, Chicago und New York. Obwohl die Weltausstellung 1889 in Paris eine verhältnismäßig geringe Beteiligung aus dem Ausland erfuhr, weil vielen Nationen der zugrunde liegende Anlass, der 100. Jahrestag der französischen Revolution, widerstrebte, ist sie den Menschen vielleicht die am Nachhaltigsten in Erinnerung gebliebene, was zweifellos an ihrem Wahrzeichen liegt: dem Eiffelturm. Damals vielfach als unnützes, die Stadt verschandelndes Bauwerk bezeichnet, ist er heute als Pariser Wahrzeichen nicht mehr wegzudenken. Eine ähnliche Vorgeschichte ist dem Atomium dank der Ausstellungsbegeisterung der Belgier weitestgehend erspart geblieben. Da man sich natürlich an verantwortlicher Stelle der immensen Bedeutung der Ausstellung für den heimischen Fremdenverkehr und die gesamte Wirtschaft bewusst war, wurden mit dem Slogan "immer nur lächeln" umfangreiche Kampagnen gestartet, welche die Bevölkerung zu einer "perfekten Gastfreundschaft" motivieren sollten. Einige hundert speziell für diesen Zweck geschulte Hostessen, die an touristisch stark frequentierten Stellen postiert wurden und durch ihren rot-blauen Uniformen zu erkennen waren, trugen zum Wohlergehen der Besucher aus aller Welt bei.

 

 

Letztere wurden bereits beim Überschreiten der Grenze von "hochmodernen Elektronengehirnen" erfasst, die für eine zumindest in der Theorie reibungslose Vermittlung von Übernachtungsmöglichkeiten sorgen sollten. Auch im Inneren einiger Pavillons vertraut man moderner Technik, weiß der Merian: "Dem Besucher steht ein Führer zur Verfügung, der seine Muttersprache spricht, auf Verlangen ruhig ist und ihn weder zu schnell noch zu langsam herumführt. Es handelt sich nämlich um ein Taschen - Tongerät, das einen Kommentar zu den Ausstellungen abspielt und dessen Lautsprecher am Ohr des Besuchers sitzt wie das Hörgerät eines Schwerhörigen."

Möchte man sich die Brüsseler Weltausstellung von 1958 über das Sammeln erschließen, bieten sich vier Hauptgebiete an: Ansichten in alten Zeitschriften und auf Ansichtskarten, ein unüberschaubares Angebot an Reiseandenken, Informations-Broschüren sowie Briefmarken.Bei Internet-Auktionen findet man ein recht großes Spektrum an interessanten und sammelwürdigen Objekten, insbesondere bei belgischen, französischen und amerikanischen Verkäufern. Wer dort fündig werden möchte, sollte die landesspezifischen Schreibweisen beachten. Zu guten Ergebnissen führen daher Suchbegriffe wie "EXPO", "Bruxelles" und "world fair", jeweils in Verbindung mit der Jahreszahl 1958, alternativ 58, oder einfach nur "Atomium".

 

                   

Faltblatt "Expo Parking"

 

Faltblatt "Dortmunder Union-Bier"

 

"Weltausstellung Brüssel 1958 - Sonderfahrten mit der Bundesbahn"

 

 

Briefmarken wurden nahezu weltweit in Umlauf gebracht, besonders sammelnswert erscheinen Ersttags- und Schmuckbriefe, die zusätzlich zu den Postwertzeichen noch mit sehenswerten Sonderstempeln, dem EXPO-Emblem oder individuellen Illustrationen aufwarten.

Auch die allermeisten Zeitungen und Illustrierten ließen es sich nicht nehmen, einen Bericht über die Brüsseler Ausstellung samt entsprechender Fotos abzudrucken. Einen allumfassenden Eindruck von Bauwerken und Besuchern vermittelt das Sonderheft "EXPO 58 Special" von "Paris Match".

 

                                 

 

 

 

 

 

Man braucht der darin gebräuchlichen französischen Sprache nicht unbedingt mächtig zu sein, denn die großformatigen und aussagekräftigen Bilder sprechen, dank eines ausgeprägten Blicks der Fotographen auch für Details, für sich.

Enorm ist die Zahl der verschiedenen Andenken mit EXPO-Logo, handelt es sich doch um ein für alle Beteiligten profitables Geschäft. Die Veranstalter verdienen am Verkauf der Lizenzrechte, die Hersteller profitieren von der kostenlosen Werbung durch die erdballumspannenden Medienpräsenz der Veranstaltung und der Käufer freut sich über ein günstig erstandenes Mitbringsel, welches ihn an seinen Belgien-Aufenthalt erinnert. Genau so groß wie die Zahl der angebotenen Stücke war auch die Bandbreite der Qualitäten, die vom unsäglichen Kitsch bis zum sammelnswerten Design-Objekt reichte: Ob Wandteller, Aschenbecher, Gläser, Schneekugeln

 

 Schneekugel "Atomium Bruxelles", Höhe ca.7cm

Krawatten, Schals, Wimpel für die Autoantenne, Bierdeckel, Schallplatten, Briefbeschwerer oder ein Mini-Atomium als Kühlerfigur - es gibt fast nichts, was es nicht als EXPO-Souvenir gibt. Und während altmodische Wandteller mit goldumrandeter Atomium-Ansicht dem Modernitäts-Anspruch der Weltausstellung geradezu ins Absurde führen, wissen einige formschön gestaltete Objekte, wie zum Beispiel ein Ricard-Aschenbecher, durchaus zu gefallen.

Mit den von den verschiedenen Nationen herausgegebenen und an die Pavillon-Besucher verteilten, oft graphisch sehr ansprechend gestalteten Informations-Broschüren wurde versucht, das eigene Land ins rechte Licht zu rücken und potentielle Touristen für einen Besuch zu interessieren.

 

              

Faltblatt Mexiko

 

Broschüre Tschechoslowakei

 

Broschüre Israel

 

Faltblatt "Pavillon du Japan"

Besonders die Sowjetunion war auf diesem Gebiet sehr aktiv.

 

                

 

 

 

 

 

"Die Ausstellungsgegenstände des Pavillons sind nur ein Bruchteil von dem, was man in der UdSSR sehen kann. Falls Sie sich mit dem ersten sozialistischen Staat der Welt, seine Kultur und Geschichte, seinem arbeitsamen und talentvollen Volk bekannt machen wollen, besuchen Sie die UdSSR!...Die Abteilung "Touren durch die UdSSR" hilft Ihnen, die Route für eine Vergnügungsreise durch das Sowjetland zu wählen."

Weiterhin gibt es Prospekte von Brauereien, Mineralölkonzerne bieten Reisetipps ("Im übrigen dürfen Sie nach Belgien praktisch alles zollfrei mitnehmen, was zu einer vernünftigen Reiseausrüstung gehört - von der Reiseschreibmaschine über den Fotoapparat zum Kofferradio, sogar ein Jagdgewehr mit 50 Patronen und einen Kinderwagen!") und die Bundesbahn bietet Sonderfahrten incl. Pauschalarrangements "zur größten Schau aller Zeiten und dem größten Ereignis dieses Jahres."

Von besonders hohem (unfreiwilligen) Unterhaltungswert jedoch ist ein von einer Brauerei gesponserter Ausstellungsführer der belgischen Fluggesellschaft Sabena.

 

 

Wenn immer es passt - und ganz besonders, wenn es nicht passt - wird der Besucher per Wegbeschreibung zum Hubschrauberlandeplatz gelotst und zum Genuss des dort ausgeschenkten Bieres aufgefordert. Die recht holprige Übersetzung tut ein Übriges und lässt die Lektüre der Broschüre zu einem großen Lesespaß werden. "Der Vergnügungspark und die dortigen Attraktionen werden Sie vergessen lassen, dass Sie nicht mehr der Jüngste sind, und Sie in die Lage versetzen, diesen zu schnell verlaufenden Tag mit fröhlicher Laune zu enden. Und nun sind sie wieder am Hubschrauberlandeplatz für noch einige Minuten. Dann trinken Sie noch ein Leopold-Bier (mittlerweile das Achte, Anm. d. Autors), ehe der gemütliche Hubschrauber der Sabena Sie vom Traumland entfernt."

 

Weltausstellung Brüssel 1958 - Exposition universelle et internationale de Bruxelles - World Fair Brussels


 

                 

Privates Fotoalbum,

 

das einen Besuch auf der Expo '58 dokumentiert. Handschriftlich: "Vati + Mutti im Thailändischen Pavillion".

 

                    

 

 

Dem Fotoalbum beiliegender Zettel mit einer handschriftlichen Auflistung der "Nebenkosten": "Klo 5.-, Rundfahrt 15.-, Atomium 60.-, Pampelmuse 25.-"....

 

 

www.wirtschaftswundermuseum.de