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Kochbücher der 50er Jahre

Vom Nachkriegsmangel zum Wirtschaftswunder-Überfluss

 

              

               

"Der Fernsehkoch" Clemens Wilmenrod : "Es liegt mir auf der Zunge" (1954)

 

"Gute Kost in magerer Zeit"

 

"Jeden Tag gut essen"


Erstabdruck in der Sammlerzeitschrift "Trödler", Heft 2/2006, Text / Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft


In atemberaubender Geschwindigkeit entwickelte sich im Laufe der Fünfziger Jahre des 20.Jahrhunderts das niederliegende Nachkriegsdeutschland durch die glückliche Verknüpfung von Marshallplan, Währungsreform sowie enormer Leistungsbereitschaft seiner Bewohner zu einer prosperierenden Industrienation. Der in diesem Zusammenhang geprägte Begriff "Wirtschaftswunder" gilt auch heute noch als Synonym für Wachstum und daraus resultierenden Wohlstand. Ungezählt sind die wirtschafts- und politikwissenschaftlichen Publikationen, die Abläufe und Zusammenhänge dieser Zeit beleuchten und analysieren. Als mindestens ebenso interessant und informativ erweisen sich jedoch Bereiche, die Aufschluß über das ganz normale, alltägliche Lebens des sogenannten "Durchschnittsbürgers" geben. Und da nichts alltäglicher ist als die tägliche Nahrungsaufnahme, liegt es nahe, einmal die Kochbücher und Rezepthefte dieser Epoche unter die Lupe zu nehmen, die sich bei eingehenderer Betrachtung in der Tat als ebenso aussagekräftige wie unterhaltsame Quelle erweisen.

 1945 bedeutet das Ende des zweiten Weltkrieges nicht, daß es den Menschen schlagartig besser geht - im Gegenteil kommt es sogar zu einer drastischen Verschlechterung der Versorgungslage. Die Produktionsmaschinen vieler Lebensmittelfabriken sind zerstört und die Landwirtschaft befindet sich in einem desolaten Zustand, der Versuch einer gerechten Verteilung des wenigen Vorhandenen durch Lebensmittelkarten und Bezugsscheine schlägt vielerorts fehl. Während die Regale der Geschäfte oftmals leer bleiben, verschwindet ein nicht unerheblicher Teil in dunklen Kanälen, um schließlich auf dem Schwarzmarkt wieder aufzutauchen. Wer noch Habseligkeiten besitzt, die den Krieg überstanden haben, tauscht diese dort gegen Fleisch aus illegalen Schlachtungen und Begehrlichkeiten wie Bohnenkaffee oder aber auch Zigaretten ein, die als die eigentliche Währung gelten.

 

                                   

"Nahrhaft schmackhaft kochen auch im Krieg" (1939)   "Lebensmittelkarten und Küchenzettel" (1939)   "Haushalten in der Kriegszeit" (1942)

 


Der Hunger bestimmt das Leben, wer satt werden will, darf nicht zimperlich sein.Schwarzhandel, Hamstern, Betrug, Diebstahl und Prostitution sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, bei vielen kommt zuerst das Essen und dann die Moral. Beträgt der durchschnittliche tägliche Kalorienbedarf eines erwachsenen Mannes rund 2500 Kalorien, veranschlagen die Siegermächte als Minimum derer 1400,  aber selbst diese Zahl wird oft unterschritten. Besonders die Briten haben ebenfalls Versorgungsprobleme und den Deutschen soll es nicht besser gehen als den eigenen Landsleuten.

Vor diesem Hintergrund sind denn auch die in dieser Zeit von offizieller Stelle herausgegebenen Rezepthefte zu betrachten, die mit Kochbüchern im eigentlichen Sinne nicht zu vergleichen sind, sondern versuchen, aus so gut wie nichts etwas zu machen. "In einer Zeit, da auf dem Gebiet unserer Ernährung größter Mangel herrscht, darf nichts, aber auch gar nichts umkommen", fordert das Faltblatt "Zeitgemäße Spar-Rezepte" für den Winter 1945/46. So werden getrocknete Kartoffelschalen in einer Kaffeemühle zu Mehl gemahlen, mit Wasser und Salz verrührt und der entstandene Teig schließlich zu einem lange haltbaren Kartoffel- Knäckebrot ausgebacken. Auch aus gesammelten Eicheln und Kastanien wird in einer zeitaufwändigen Prozedur ein brauchbares, wenn auch bezüglich seines Nährwertes minderwertiges Mehl gewonnen, da die "schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse dazu zwingen, sämtliche von der Natur hervorgebrachten Erzeugnisse zu verwerten".  

 

          

"Wiederaufbau der deutschen Ernährung", Heft 2: "Umgewandeltes Roggenmehl" (1945)

 

"Der Haushalts-Brief - Eine laufende Sammlung zeitgemässer Ratschläge für sparsames Kochen und Wirtschaften"

 

               

"Zeitgemässe Sparrezepte für die Hausfrau"

 

"Unser täglich Brot in Zeiten der Not"


Überhaupt sind in diesen Jahren Ersatzstoffe allgegenwärtig, die häufig sowohl optisch als auch geschmacklich wenig mit den namensgebenden und vielfach nur noch in der Erinnerung existenten Vorbildern gemein haben. So gehört wohl recht wenig Phantasie dazu, sich auszumalen, daß aus geröstetem Rote-Rüben-Pulver hergestellter und lediglich mit Zucker abgeschmeckter "Falscher Kakao" ebensowenig das Original vergessen machen konnte wie aus gerösteter Gerste gebrühter Ersatzkaffee ein Tasse echten Bohnenkaffees.

Auch das "Strecken" ist eine gebräuchliche Maßnahme, die Essensrationen zu vergrößern. Insbesondere rare Güter wie Wurst werden durch Zugabe von Haferflocken, Schrot, Trockenkartoffeln und Wasser "verlängert". Obwohl damit natürlich ein Nährwertverlust einhergeht, verschafft dies dennoch zumindest subjektiv das Gefühl eines vollen Magens.  
In einer neuen Folge der "Zeitgemäßen Sparrezepte ist das Problem nicht nur "Wie komme ich mit den vorhandenen Lebensmitteln am besten aus?" sondern auch die Frage "Wie können wir sie am vielseitigsten verwerten?".
Und so besteht dann die vorgeschlagene "abwechslungsreiche Kost trotz zeitbedingter Nahrungsmittelknappheit" beispielsweise aus verschiedenen Kohlrübengerichten:
entweder in dünne Stifte geschnittene Kohlrüben mit Nelken, Majoran, einem Schuß Essig und einer Tasse verquirlter, saurer Milch oder wie Sauerkraut zubereitete geraspelte Kohlrüben sowie schließlich Kohlrüben, die zusammen mit Kartoffeln durch einen Fleischwolf gedreht und anschließend mit Röstzwiebeln aufgetischt werden. Es folgt ein halbes Dutzend weiterer Rezepte, darunter ebenfalls welche, die den "typischen Kohlrübengeschmack, der nicht jedermanns Sache ist, stark in den Hintergrund treten lassen".

 

           

             

"Tischlein deck dich! Zeitgemäße Küchenrezepte" (1946)

 

"Was koche ich heute - Ein zeitgemäßes Kochbuch" (1946)

 

"kleines zeitgemäßes Kochbuch mit vielen Spezialrezepten und Hausmitteln" (1948)


Wählerisch darf man jedoch nicht sein - die meisten sind froh, wenn sie überhaupt etwas zu essen haben. Besonders in den Ballungsgebieten wird die Versorgungslage immer kritischer und spitzt sich 1947 weiter zu, als die durchschnittliche tägliche Kalorienzufuhr weiter sinkt und Menschen an Unterernährung sterben. Im Januar 1948 kommt es zu Arbeiterstreiks, Millionen demonstrieren gegen die unerträglichen Lebensbedingungen und veranlassen die Amerikaner zu einer Kursänderung. Aus Angst, daß sich die Verzweifelten dem Kommunismus zuwenden, der jedermann zumindest in der Theorie Brot und Arbeit verspricht, unterstützen sie den europäischen Wiederaufbau. 16 westlich orientierte Länder, darunter auch Deutschland, werden im Rahmen des nach dem damaligen US-Außenministers benannten Marshall-Plans mit der für diese Zeit gewaltigen Summe von 25 Milliarden Dollar in Form von Nahrung, Sachwerten und Krediten unterstützt, um ein "antikommunistisches Bollwerk" zu schaffen. Für die Westdeutschen bedeutet dies den ersten Schritt in eine bessere Zukunft. Weitere Etappen bilden 1948 die von Ludwig Erhard initiierte Währungsreform sowie 1950 paradoxerweise der Korea-Krieg, welcher sich zu einem weltweiten Konflikt auszubreiten droht. Während in diesem Zusammenhang in vielen westlichen Ländern umfangreiche industrielle Kapazitäten durch die Rüstungsproduktion  blockiert werden, kann man sich im entmilitarisierten Deutschland auf die Herstellung ziviler Gebrauchsgüter konzentrieren. Da die Qualität der hergestellten Waren hoch ist, wächst auch im Ausland die Nachfrage nach Produkten "Made in Germany", der Export floriert und hat großen Anteil am nun folgenden rasanten wirtschaflichen Aufschwung.

Auch wenn es lange nicht allen Menschen "von heute auf morgen" gut geht, fördern diese Entwicklungen dennoch eine allgemeine Aufbruchstimmung, für viele wird das Leben wieder lebenswert.

 

         

          

"Das Volkskochbuch" - "Für Gesunde und Kranke" (1953)

 

Das bunte Kochbuch (1948)

 

"Praktische Winke für zeitgemässes Kochen"

 


 

 

"OPERATION VITTLES"

 

Das Kochbuch zur Luftbrücke:

"Cook Book, compiled by The American Women in Blockaded Berlin", Januar 1949

 


Fließend geht dieser Übergang auch in der Kochbuchliteratur vonstatten. In dem 1948 veröffentlichten "Schmalhans kocht trotzdem gut" werden den durch Improvisation geprägten Sparrezepten unter dem  Motto "Und wenn's mal wieder besser wird" die Versionen in ihrer ursprünglichen vollwertigen Fassung gegenübergestellt.
Um eines der schönsten und originellsten Bücher dieses Genres handelt es sich bei Karola Molls "Der heruntergekommene Lukull" aus dem Jahre 1947. Hierin werden die Ding beim Namen genannt ("So viel Geld nämlich, daß sie alles schwarz kaufen könnten, haben sie nicht")  und die mit einer gehörigen Portion Ironie gewürzten Texte und  Illustrationen versuchen, Haferflockenklopse oder "falsche Schlagsahne" schmackhaft zu präsentieren. In Anspielung auf den im Titel erwähnten altrömischen Feldherrn und Feinschmecker schließt das Buch mit der launigen Prophezeiung "Man wird die Nachtigallenzungen des Lucull vergessen und fürderhin Grütze nach Karola Moll speisen...".

 

               

Schmalhans kocht trotzdem gut, Kochbuch 1948

 

Der heruntergekommene Lucull


Bei vielen anderen Veröffentlichungen handelt es sich hingegen noch um Vorkriegskochbücher, die in verbesserten und erweiterten Fassungen erscheinen.

"Ich glaube, daß dieses Buch mit seinen praktischen Anleitungen, seinen Kapiteln über rohe und fleischlose Küche, Resteverwertung usw. auch für die heutige Zeit paßt, wenn auch vorerst noch einige Rezepte überblättert oder vereinfacht werden müssen", formuliert Elsa Schröder im Vorwort zur 1949 erschienenen 2.Auflage von "Koche mit Liebe - sparsam und gut". Immerhin bereitet sie ihren Schokoladenpudding mit geriebener Schokolade zu - kein Vergleich mehr zu der in den Sparrezepten vorgestellten "Falschen Schokoladensuppe", die ihre Farbe lediglich durch das Bräunen von Mehl im Backofen erhielt.
Sehr anschaulich sind auch die von diversen Lebensmittelherstellern herausgegebenen Werbeschriften, die als einfache Faltblätter oder bisweilen sogar in Form bebilderter kleiner Kochbücher Produktinformationen und Rezeptvorschläge zu Puddingpulver, Nudeln oder Suppenwürfeln liefern. In der Regel kostenlose Beigabe beim Einkauf oder in Zeitschriften, sind sie durch ihre Anfang der 50er Jahre aufkommende Anzahl und Vielfalt Gradmesser für die parallel zu der steigenden Kaufkraft schnell wachsenden Nahrungsmittelsortimente in den Händlerregalen.

 

                 

                 

Zu jeder Mahlzeit Milch

 

Allerlei leckere Sachen

 Kochbuch für heute und morgen (1946)

 

                

Dr. Oetker Schul-Kochbuch

 

Dr. Oetker Schulkochbuch

 

Braun Multimix - Rezeptbuch


 

                            
Kochbuch für heute und morgen 

mühelos in der modernen Gasküche

 

Reese Rezepte


 

                 

Kurt Runge: Die treue Tomate

 Weihnachts-Rezepte, Für Frauen die mit Liebe kochen 

Müller's Kochbuch


 

                     

 

Ich werde zu dick - Was tun? 1950! 

Werde schlank mit Genuss - ohne Gymnastik, Massage, Pillen oder Diät (1952)

 



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